Wir haben drei Jahre verloren

Interview mit Focus online vom 18.01.2001

Laut dem Europa-Abgeordneten Reimer Böge haben die EU-Staaten den Kampf gegen BSE verzögert. FOCUS Online sprach mit dem CDU-Politiker. Böge ist Diplom-Agrar-Ingenieur und Landwirt in Hasenmoor, Schleswig-Holstein. Er war Vorsitzender des ersten Parlamentarischen BSE-Untersuchungsausschusses von September 1996 bis Februar 1997 und ist der BSE-Experte seiner Fraktion.

FOCUS Online: Über wie viele BSE-Fälle in der Europäischen Union sprechen wir zur Zeit?

Böge: Wir sprechen über 180 000 im Vereinigten Königreich, über gut 500 in Irland, über 400 in der Schweiz, über steigende Zahlen in Frankreich (bald 200) über 18 in Belgien und 14 in Deutschland. Schweden und Finnland sind vermutlich BSE-frei. Die Situation in den Drittländern ist völlig unklar.

FOL: Welche Länder halten Sie für besonders problematisch?

Böge: Natürlich begann das Problem im Vereinigten Königreich, auch in Frankreich gibt es Probleme mit den Geburtsjahrgängen vor 1996. Generelle Schwierigkeit: Die Briten hatten die Verwendung von Tiermehlen 1995 und 1996 nicht im Griff.

FOL: Frankreich hat noch 1996/1997 große Mengen Tiermehl nach Polen exportiert.

Böge: Wir hatten einen großen französischen Export nach Polen, als Polen wegen vier BSE-Fällen einen Importstopp für Tiermehl aus Deutschland verhängt hat. Frankreich hat jedoch die EU-Standards nie erfüllt.

FOL: Welche Konsequenzen hat der Untersuchungs-Ausschuss erhoben, die nicht eingehalten wurden?

FOL: Über 70 Empfehlungen für den Verbraucherschutz haben wir ausgesprochen. Die Kommission hat beim Umbau der Administration und der Beratung durch Wissenschaftler das meiste aufgegriffen. Nicht weitergekommen sind wir bei Disziplinarmaßnahmen gegen Beamte und Schadensersatzforderungen gegen Großbritannien. Viele Dinge, die Parlament und Kommission angestrengt haben, blieben jedoch im Rat bei den zögernden Mitgliedsstaaten hängen. Wir haben da drei Jahre Zeit verloren.

FOL: Die Europäische Kommission mag nichts einwenden gegen die von Bayern praktizierte sogenannte Kohorten-Keulung. Also, die Tötung des erkrankten BSE-Tieres und nicht die Tötung der ganzen Herde. Ein richtiger Weg?

Böge: Auch hier sagt die Wissenschaft: Die Ausmerzung einer Gruppe, die ein und dasselbe Futter gefressen hat, macht Sinn und erfasst die meisten BSE-Fälle. Die Schweiz hat diesen Weg seit 1999 gewählt. In Großbritannien lässt man bei einem BSE-Fall die komplette Herde stehen. Wenn sie nicht mehr genügend Milch geben, werden die Tiere, die älter als 30 Monate sind, vernichtet. Aber der entscheidende Punkt ist, der britische Verbraucher akzeptiert sehr weitgehend das Fleisch von jüngeren Tieren aus diesem Bestand. Er verzehrt die Milch.

Wer eine Kohortenlösung befürwortet, darf den Betroffenen auf Dauer nicht zumuten, dass sein Betrieb unter Quarantäne steht und der Landwirt seine Produkte nicht mehr verkaufen darf. Es gibt deutliche Hinweise, dass die Milchwirtschaft und die Lebensmittelketten Milch aus einem BSE-Betrieb nicht abnehmen wollen. Das ist das Riesenproblem in Deutschland.

FOL: Der wissenschaftliche Lenkungsausschuß, der die EU berät, hat in dieser Woche gefordert, Separatorenfleisch, Fette und die Teile der Wirbelsäule noch vorsichtiger zu verwenden. Eine richtige Idee?

Böge: Separatorenfleisch von Rindern ist in der Tat nicht vermarktungsfähig. Fette, bei denen es Verunreinigungen gibt, beziehungsweise Fette, die keine Nahrungsmittelqualität haben, muss man auch als Problem betrachten.

FOL: Brüssel hat vorerst bis zum 1. Juli die Verfütterung von Tiermehl verboten. Reicht der Zeitraum aus?

Böge: Material von genusstauglichen Tieren könnte im Prinzip an Allesfresser verfüttert werden, sagt die Wissenschaft. Wenn die Mitgliedsstaaten Kontrollprobleme haben, ist ein vorübergehendes Verbot notwendig. Ich gehe derzeit davon aus, dass das Moratorium über den 1. Juli hinaus verlängert wird.

FOL: Die EU will zwei Millionen Rinder aus Marktbereinigungsgründen töten, 400 000 allein in Deutschland. Halten Sie die Aktion für sinnvoll?

Böge: Der Beschluss lautet, alle über 30 Monate alten Tiere zu testen oder herauszunehmen aus der Nahrungsmittelkette. Natürlich ist das eine Marktentlastungsmaßnahme. Aber was ist denn die Alternative? Tiere, die derzeit niemand mehr haben will, die irgendwann geschlachtet werden müssen, einzulagern und später doch zu vernichten, macht erst recht keinen Sinn. Im übrigen, wenn es BSE-Probleme gibt, sind es in erster Linie die älteren Jahrgänge. Insofern hat dieses Programm auch eine Verbraucherschutzkomponente.

FOL: Welche Gefahren drohen durch den Import von Fleisch aus mittel- und osteuropäischen Ländern sowie den USA?

Böge: Hier hat es Risikostudien gegeben. Ich habe den Eindruck, dass diese Drittstaaten ein noch größeres Kontrollproblem haben, und wir deswegen die Situation nicht wirklich einschätzen können. Ich habe vor zwei Tagen EU-Verbraucherschutzkommissar David Byrne gebeten, sich dringend dieser Angelegenheit anzunehmen, damit ein einheitlicher Verbraucherschutz gewährleistet ist.

FOL: Herr Böge, zum ersten Mal besucht die neue Landwirtschaftsministerin Renate Künast (Grüne) die Grüne Woche in Berlin. Freuen Sie sich über Ihre neuen agrarpolitischen Vorstellungen?

Böge: Für mich ist eine Systemdebatte über angeblich konventionelle und biologische Landwirtschaft unzulässig. Sie lenkt vom eigentlichen Problem ab. Der Verbraucher wird entscheiden, wie es weitergeht. Alle staatlichen Institutionen haben die Gefahren zu spät erkannt und nicht gehandelt.

Das Interview führte Ottmar Berbalk.